Martina Hengsbach - Portraits                                       

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Martina Hengsbach - Portraitmalerei

Autorin: Anke Schmich ,  Kunsthistorikerin


In ihren Portraits tritt Martina Hengsbach ein in die Seele der Menschen. Sie irritiert die Sehgewohnheiten des Betrachters mit ungewohnten formalen Aspekten ihrer Malerei, die die Dargestellten in eine provozierende Wahrhaftigkeit rückt und den Betrachter unmittelbar in ihr Innerstes vordringen lässt.

Martina Hengsbachs Malstil zeichnet sich durch eine differenzierte Farbgebung aus, die im Spannungsfeld von Figur und Hintergrund durch eine Symbiose aus malerischen und grafischen Elementen geprägt ist. In den Gesichtern spiegeln sich Licht und Schatten in den subtil gesetzten Hautfarben, Schlaglichter blitzen in den Augen auf.

Diese Realitätsnähe steht im Gegensatz zu hellen, manchmal sogar leuchtenden, teils sogar schrillen Hintergrundfarben wie Magenta, Violett oder Neongrün, die ihre Werke in mancher Hinsicht neoexpressiv wirken lassen. Oftmals füllen die Bildnisse den Raum der Leinwand jedoch nahezu komplett aus, der Hintergrund gibt niemals viel von der Umgebung der dargestellten Person preis.

Die Ausdruckskraft des Bildes erfährt durch die Leuchtkraft der Farben und die kraftvolle Struktur der Zeichenstriche eine Steigerung, die die besondere Aura der jeweils dargestellten Persönlichkeit unterstreicht.

Weich geführte, plastische Konturen in den fazialen Strukturen und ungewöhnliche, nahezu monochrome Farbflächen, wie zum Beispiel ein violett-magenta-farbener Hintergrund für das Warhol-Bildnis oder ihre Dürer-Interpretation, die von einem hellen Magenta-Ton umfangen wird, dienen als formale Spannungselemente für ihre großformatigen Arbeiten.

Die Überlagerung mehrerer transparenter Farbschichten bei der Behandlung des Untergrundes bewirkt in einigen Bildern nicht nur eine unbewusste Staffelung in die Raumtiefe hinein, sondern vermittelt auch auf der symbolischen Ebene ein Eindringen in die menschliche Psyche.

Der optische Eindruck einer rational bisweilen kaum fassbaren formalen Diffusion durch eine gesteigerte Farbigkeit entspricht der intuitiven Erfassung der inneren Gefühlslage durch den Betrachter, der seinen Blick automatisch auf die Augen der Dargestellten fokussiert, in denen sich die unterschiedlichsten Emotionen wie Freude, Glück, Trauer, Verunsicherung, Besorgnis, Skepsis u.a.m. zeigen.

Es scheint so, als ob die Künstlerin selbst mit den Dargestellten in einen heimlichen Dialog tritt, um einerseits ganz detailliert deren Charakter für sich selbst zu erschließen und andererseits ihre eigene künstlerische Stellung zu verorten.

Der Wiedererkennungsgrad ihrer Portraits gleicht exakt dem der selbst fotografierten Vorbilder, macht sich aber in keinem Falle mit ihnen gemein, denn über die Identifizierung der dargestellten Person hinaus verfremdet sie den Kontext durch die für sie typische Maltechnik und Farbgestaltung.

Martina Hengsbach versteht es meisterhaft mit dem ihr eigenen malerischen Duktus ein Maximum an inneren Befindlichkeiten auszudrücken. Es geht der Künstlerin niemals darum, ein pures Abbild vom Abbild zu schaffen, was einer Kopie gleich käme. Im Gegenteil: sie lässt das Foto einer Person intuitiv lange auf sich wirken und sucht darin nach einem instinktiven Gefühl, einem bestimmten Ausdruck einer individuellen Aussage. Auf ganz außergewöhnliche expressive Besonderheiten stößt die Künstlerin gerade dann, wenn sie zum Beispiel Standbilder von Videos oder Filmen, sogenannte Film-Stills, für ihre Arbeiten reflektiert.

Dieses Mienenspiel fängt die Künstlerin visuell ein und bedient sich jenes eingefrorenen Moments in seiner Funktion als Fragment eines filmischen Ablaufs. Die Transformation des bewegten Geschehens im Film zu einem statischen Bild als auch die analysierende Suche nach dem Besonderen im menschlichen Antlitz führt gleichsam zu einer Veränderung der Darstellung im Sinne einer Verfremdung und visuellen Abstraktion.

Aber auch Fotos von Menschen, denen sie auf ihren fernen Reisen begegnet ist, dienen der Künstlerin als Inspirationsquelle. In ihrer Werkreihe präsentiert sie uns die Portraits von Menschen aus Kenia, wie zum Beispiel einen lächelnden Kofferträger, eine Lehrerin aus der Hauptstadt Nairobi oder stolze Massai-Krieger und Angehörige anderer Stämme. Deren strahlende Lebensfreude trotz einfachster Lebensverhältnisse hinterließ bei der Künstlerin einen bleibenden Eindruck ebenso wie die Menschen aus Peru.

Intuitiv und einfühlsam entwickelt Martina Hengsbach ihre Vorstellung von der abzubildenden Person als Bildkonzept in einem kreativen Prozess, der zu einer komplexen und spannungsgeladenen Aussage im Bild führt.